Psychische Gesundheit, Stress am Arbeitsplatz, Burnout

Am 8.März fand im Gasteig in München eine Fachtagung zu einem hochaktuellen Thema statt: „Psychische Gesundheit, Stress am Arbeitsplatz und Burnout.“

Die Häufigkeit von Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen nimmt in Deutschland kontinuierlich zu. Inzwischen sind sie die dritthäufigste Ursache von Arbeitsausfällen.

Dabei spielen die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz, der Stress im Beruf und Stressfolgeerkrankungen eine zentrale Rolle. Trotzdem ist der Begriff Burnout-Syndrom bei heute umstritten.

Wir haben die aktuelle Diskussion zum Anlass genommen und zu dieser Fachtagung namhafte Experten aus Politik, Medizinsoziologie und Kliniken eingeladen. (Das Veranstaltungsprogramm finden Sie hier).

Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege hat diese Veranstaltung im Rahmen des Jahresschwerpunktes Depressionen bei Erwachsenen und der Kampagne:

Bitte Stör mich ! Aktiv gegen Depressionen  unterstützt:

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml erklärte die Kampagne des Staatsministeriums und warb für ein verstärktes Vorgehen gegen psychische Überlastung am Arbeitsplatz: „Es ist wichtig, gefährlichen Stress am Arbeitsplatz rechtzeitig zu erkennen.“

Prävention durch sichere Bindungen

Privatdozent Dr. phil. Bernhard Grimmer, Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut von der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen in der Schweiz beschrieb die Symptome von chronischem Stress und andauernder Überforderungen und belegte dies durch Zahlen des Robert Koch-Instituts. Er erk lärte, dass Streßfolgeerkrankungen durch ein Zusammenwirken von anhaltender psychischer Stressreaktion durch externen und innenpsychischen Stress entstehe und beschrieb die Persönlichkeiten, die besonders gefährdet sind.

Gratifikationskrisen

Professor Dr. Johannes Sigrist, Medizinsoziologe und Seniorprofessor an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf,  sprach über die Chancen und Risiken der modernen Arbeitswelt für die psychische Gesundheit. Er beschrieb die zahlreichen wissenschaftlichen Belege für die gesundheitliche Gefährdung durch chronischem Stress. Sein Forschungsthema sind Gratifikationskrisen und ihre gesundheitliche Folgen. Gratifikationskrisen entstehen bei einem dauerhaften Ungleichgewicht zwischen Verausgabungen und Belohnungen.

Auch er beschrieb die gesundheitsgefährdende Mischung aus inneren Verausgabungsneigung und mangelnder Belohnung durch Gehalt, Aufstiegsmöglichkeiten und Wertschätzung.

Ausgebrannte Ärztinnen und Ärzte

Dr. Heidemarie Lux, Vizepräsidentin der Bayerischen Ärztekammer stellte die Ergebnisse der Untersuchung von 4.000 Ärztinnen und Ärzten aus dem Jahre 2015 vor. Nach dieser Befragung geben 77 der Ärzte* an, dass ihr Privat- und Familienleben unter der beruflichen Belastung leiden. 59 % der Befragten fühlen sich durch ihre Tätigkeit psychisch belastet.

Frau Dr. Lux wies auf die Gesundheitsgefährdung von Ärztinnen und Ärzten und die Gefahr von Suchtentwicklungen hin und stellte das Programm „Hilfe statt Strafe“ der Bayerischen Landesärztekammer für Suchtkranke Ärztinnen und Ärzte vor.

Burnout ist keine Krankheit

Prof. Hillert, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck, setzte sich kritisch mit der Diagnose Burnout auseinander und beschrieb den Begriff betrachtete den Begriff aus den verschiedenen Perspektiven. Burnout sei keine Krankheit und als wissenschaftliche Diagnose nicht haltbar. Er betonte aber auch, dass der Begriff dazu dienen könne, chronische Überlastungen und Stressfolgeerkrankungen zu enttabuisieren.

Im Bayerischen Ärzteblatt (Nr. 4, 72. Jahrgang, April 2017) finden Sie einen Artikel von J. Müller über dieses Symposium.

Ängste aushalten – Psychische und gesellschaftliche Ursachen von Angst

Ängste gehören zum Leben dazu. Ängste helfen uns dabei, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Oft waren es Ängste und das Streben nach Sicherheit, die zu gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen geführt haben.

Max Frisch hat es einmal so formuliert: „ Angst ist ein fester Bestandteil unserer Lebens, weil es ohne diese Angst, die unsere Tiefe ist, kein Leben gibt.“

In der Gesellschaft, wie auch bei gesundheitlichen Fragen, müssen Menschen lernen, mit ihren Alltags-Ängsten umzugehen und Fähigkeiten zur Angstbewältigung entwickeln.

Das lernen wir alle schon in den ersten Lebensjahren. Und je sicherer jemand aufwächst und je  besser er/sie gelernt hat, mit Ängsten umzugehen, desto besser kommen er/sie im späteren Leben mit angstauslösenden Situationen zurecht (Resilienz).

In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass Menschen, die bestimmte Sicherheiten nicht erlernen konnten, ein erhöhtes Risiko haben, Ängste zu entwickeln, Oft ist die Angst hinter der Angst- un dPanikattacke eine Angst vor Kontrollverlust, die in plötzlich auftretenden unerwarteten Situationen zu Panikattacken führen kann.

Da kann dazu führen, dass Angst übermächtig wird und sich manche Menschen vor lauter Angst, z.B. nicht mehr aus dem Haus trauen, unter Panikattacken leiden oder spezifische Ängste vor Höhen, Angst auf öffentlichen Plätzen, Flugangst oder Ängste vor Dunkelheit entwickeln.

Psychotherapeuten sprechen von „Generalisierte Angststörung“ (F41.1), „Panikstörung„, F41.0) „soziale Phobien“ (F40.0) oder „Agoraphobie“ (Angst vor öffentlichen Plätzen, F40.1.) und spezifischen Phobien (z.B. auch vor Tieren).

All diese Erkrankungen  lassen sich gut und erfolgreich mit den Standard-Therapieverfahren (Verhaltenstherapie und psychodynamische Psychotherapie*) behandeln.

Im Anschluss an die gesundheitlichen und psychischen Aspekte von Ängsten möchte ich einen Transfer zur gesellschaftlichen Diskussion machen: überall in der politischen Debatte der letzten Monate in Deutschland wird deutlich, dass die Unfähigkeit, mit Ängsten umzugehen, in der Gesellschaft wächst.

So ist auch zu verstehen, dass immer mehr Menschen angesichts von Bedrohungen für Reichtum, Wohlstand und Sicherheit in einer globalisierten Welt nach alten Lösungen suchen. Sie wünschen sich einen Nationalstaat und geschlossene Grenzen zurück. In der ängstlichen Gesellschaft werden alles Fremde und Unbekannte abgelehnt.

Besonders deutlich wird das auch bei der Berichterstattung von Straftaten, dem Amoklauf in München und dem ersten Terrorangriff in Berlin im Dezember in Deutschland:

Die Medien und Politiker überschlagen sich mit immer neuen Vorschlägen zu verschärften Gesetzen (obwohl die existierenden nur angewendet werden müssten) und immer neuen Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt (geschlossene Grenzen, Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern, Betonpfosten gegen LKW-Attacken, Fußfesseln, Videoüberwachung ………..).

Damit soll die Bevölkerung anscheinend beruhigt werden und der Schein aufrecht erhalten werden, eine absolute Sicherheit sei möglich. 

Der Soziologe Heinz Bude sagt dazu in einem Interview in der SZ vom 27.12.16: Die Parteien haben Angst vor der Angst der Leute“ und „Man kann niemandem seine Angst ausreden.“

Auch aus psychotherapeutischer Sicht würde man sich wünschen, dass Politiker und Medien den Mut aufbringen würden, sich und uns allen, die Wahrheit zuzumuten:

  • die Uhren können nicht zurück gedreht werden
  • Ängste müssen ausgehalten werden
  • ein absolute Sicherheit in einer globalisierten Welt ist nicht möglich
  • internationale Konflikte können nur international gelöst werden.

 

* Mit psychodynamischer Psychotherapie sind die „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ und die „analytische Psychotherapie“ gemeint

Depressionen – Auf die Ursachen kommt es an

Bei Depressionen sollte zuerst nach den Ursachen gefragt werden, bevor eine Behandlung eingeleitet wird. Das ist leider nicht selbstverständlich.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Millionen Menschen sind weltweit davon betroffen (WHO 2001). Und auch in Deutschland erkranken 12 bis 20 von 100 Menschen einmal in ihrem Leben an einer Depression (IQWIG).

Dabei erstaunt, dass es in den meisten Artikeln, auch von Fachleuten, so wirkt, als handele es sich bei Depressionen um eine einzige Erkrankung.

Dabei zeigt jahrelange Erfahrung, dass Traurigkeit und Depressionen immer dann auftreten, wenn Menschen mit Problemen nicht mehr zurecht kommen und die Bewältigungsmechanismen nicht mehr ausreichen. Die Ursachen können ganz unterschiedlich sein. Und auch der Schweregrad der depressiven Verstimmung kann sich von Mensch zu Mensch und je nach der zugrunde liegenden Belastung unterscheiden:

  • So können Menschen bei Konflikten und Mobbing am Arbeitsplatz depressiv werden.
  • Andere kommen mit ihrer privaten Lebenssituation oder Beziehung nicht mehr zurecht und reagieren depressiv.
  • Verlust von nahen Angehörigen oder guten Freunden kann zu depressiven Verstimmungen führen.
  • Manche Menschen leiden nach schweren Traumatisierungen, Gewalterfahrung und schweren Schicksalsschlägen z.T, jahrelang immer wieder unter Depressionen.

Doch wenn das so ist, dann verwundert es, dass in vielen Fällen nicht vor jeder Behandlung genau nach den Ursachen geforscht und die Behandlung darauf abgestimmt wird.

Immer wieder werden Studien veröffentlicht, die nur die Depression-Symptome abfragen und Menschen dann je nach Studien-Design oder Präferenz des Arztes oder der Klinik behandeln.

Zu oft werden dann zu allererst Medikamente verordnet (Bertelsmann Stiftung, April 2014), deutlich weniger oft werden Psychotherapien angeboten, obwohl die Leitlinien der Fachgesellschaften Psychotherapien als erste Behandlungsmaßnahme empfehlen (siehe Beiträge in diesem Blog).

Dabei brauchen Menschen v.a. Psychotherapien, die sich nach den zugrunde liegenden Ursachen richten:

Menschen mit Eheproblemen oder nach Verlust von Angehörigen brauchen andere Behandlungen als Menschen mit Problemen am Arbeitsplatz. Und diese wieder andere Probleme als Menschen nach Gewalterfahrungen oder Traumarisierungen.

Deshalb ist es für Betroffenen wichtig, vor einer Behandlung Zweitmeinungen einzuholen oder sich nach Alternativen zu erkundigen.

Denn zugespitzt kann man sagen, dass es sich bei Depressionen immer wieder nur um Symptome von dahinter legierenden Problemen handelt.

Diese Probleme können den Betroffenen auch verborgen (unbewusst) sein. Dann ist es um so wichtiger, dass man Experten zu Rate zieht und sich nicht einfach Medikamente verschreiben lässt.

 

 

 

Burnout bei Landwirten und Landfrauen

Burnout ist eine schwere, behandlungsbedürftige Erkrankung (siehe zahlreiche Beiträge Burnout in diesem Blog). In der Landwirtschaft ist das Risiko, an einem Burnout zu erkranken, besonders hoch.

Darauf haben u.a. ein Beitrag im Bayerischen Fernsehen (BR2) und zwei Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 27.11.2015 und 13.1.2016 hingewiesen.

Woran liegt das?

In der Regel führen mehrere Faktoren zu einem Burnout, die bei Landwirten und Landfrauen alle zutreffen:

  1. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die wirtschaftliche Situation werden für Landwirte immer schwieriger. V.a. die „Industrialisierung schreitet dramatisch voran“ und führt dazu, dass immer mehr Milchbauern aufgeben (Das Märchen vom Bauernstand“, SZ, 13.1.2016).
  2. Der Alltag in der Landwirtschaft ist durch die Arbeit 24 Stunden an 365 Tagen vorbestimmt. In der Regel gibt es keine Auszeit und kein Entkommen.
  3. Landwirte und Landfrauen haben ein großes Verantwortungsbewußtsein, eine hohe Arbeitsmoral. Sie schonen sich selbst nicht und arbeiten in der Regel weit über ihre körperliche und psychische Belastungsgrenze.

Dies alles wird dadurch erschwert, dass Landwirte sich oft schwer damit tun, jemanden um Hilfe zu bitten oder über ihre Belastungen zu reden. 

Trotzdem und gerade deswegen brauchen Landwirte und Landfrauen professionelle Hilfe. (Unserer Erfahrung nach tragen oft die Landfrauen die größte Last).

Diese bieten wir in zwei psychosomatischen Kliniken an:

  • in Oberbayern in Ebersberg bei München in der Psychosomatischen Klinik in der Kreisklinik
  • in Niederbayern in der Psychosomatischen Abteilung in Passau und Wegscheid

Dabei sind wir in Kontakt mit der SVLFG (Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau) und helfen den Betroffenen bei der Organisation einer Behandlung , wenn notwendig mit Haushaltshilfen oder Betriebshilfen.

Homöopathie ohne Wirkungsnachweis

Die Süddeutsche Zeitung geht mit der Homöopathie hart ins Gericht: „Obwohl die Homöopathie seit Jahrzehnten nicht nachweisen kann, dass sie wirkt, wird sie von Politik und Universitäten geschützt.“ (SZ, 18.12.15). In der Überschrift heisst es sogar „Privilegien für Hokuspokus.“

Im Artikel wird der Gesundheitswissenschaftler Norbert Schmacke zitiert, der ein Buch mit dem Titel: „Der Glaube an die Globulin. Die Verheißungen der Homöopathie“ (Suhrkamp-Verlag 2015) geschrieben hat. Schmacke beschreibt, dass es bisher in keiner wissenschaftlichen Studie gelungen ist, den Nutzen von Homöopathie nachzuweisen. Die Wirkung beruhe eher auf Überzeugung, Weltanschauung und Glauben.

Die Kritik bei Schlacke und im Artikel bezieht sich v.a. auf zwei Punkte:

  • „Anders als die Mehrzahl der Homöopathen behauptet, geben etliche von ihnen demnach sehr wohl vor, auch bei schweren Krankheiten Hilfe und Heilung zu bieten.“
  • „Seit Jahrzehnten steht die Homöopathie unter dem Schutz von Politik und Gesetzgebung und entgeht so der Pflicht, der jedes andere Medikament und Heilmittel unterliegt: Den Beweis des Nutzens….nachvollziehbar zu machen und akribisch (exakt) zu belegen.“

Und hier wird es wirklich problematisch:

Wenn Menschen mit behandlungsbedürftigen Erkrankungen, wirksame medizinische oder therapeutische Behandlungen vorenthalten werden, muss man das wohl unterlassene Hilfeleistung von homöopathischen Behandlern nennen.

Hier werden bei Klienten und Patienten ungerechtfertigte Hoffnungen geweckt und die Betroffenen dabei unterstützt, Krankheiten zu verschleppen. Immer wieder schneint die Weltanschauung und die Überzeugung der Behandler wichtiger als die Gesundheit der Patienten.

Denn immer wieder kommen Patienten viel zu spät mit fortgeschrittenen, z.T. chronischen Erkrankungen in Praxen und Kliniken, die schon viel früher eine Behandlung nach dem  neusten Stand medizinischen Wissens gebraucht hätten.

Dass bezieht sich auf Infektionen, bösartige Erkrankungen, schwere Depressionen, chronische Schmerzen und Angsterkrankungen.

Das sind alles Erkrankungen, die mit exakter Diagnostik gut medizinisch, psychotherapeutisch und/oder psychosomatisch behandelt werden können.

Und hier sind nicht die erwachsenen Menschen gemeint, die sich selbst,  in vollem Wissen um Nutzen oder Risiken von Behandlungen für oder gegen bestimmte medizinische, therapeutische oder homöopathische Therapien entscheiden.