Selbstbewusstsein und Narzissmus

Ist es selbstbewusst, wenn sich Menschen hinstellen, Behauptungen machen, die sie nicht belegen können – nur um auf sich aufmerksam zu machen ?
Was bedeutet es, wenn sich Medien oder die Öffentlichkeit darum bemühen müssen, nach dem Wahrheitsgehalt von Nachrichten und Posts zu recherchieren ?

In einer Zeit, in der sich immer mehr Menschen um ihre Selbstoptimierung und Selbstdarstellung bemühen und der Begriff Narzissmus in aller Munde ist, könnte eine gewisse Orientierung hilfreich sein.

Was ist gesundes Selbstbewusstsein und was ist Narzissmus ?

Was bedeutet es, wenn sich Menschen keiner Kritik mehr stellen ?
Ist es selbstbewusst, wenn Menschen sich größer darstellen, als sie sind ?
Was ist los, wenn sich Menschen mit Wertgegenständen (Autos, Immobilien….) umgeben, die sie sich gar nicht leisten können ?
Ist es selbstbewusst, wenn Menschen sich mit Titeln schmücken, die sie sich gar nicht erarbeitet haben ?
Ist es selbstbewusst, wenn Menschen ich v.a. damit beschäftigen, möglichst viele Klicks, Likes und Follower in den Sozialen Medien zu bekommen ?
Was ist dahinter, wenn Menschen ständig ein Feedback brauchen, um sich sicher und selbstbewusst zu fühlen ?

Was sind das für Menschen, die sich oder ganze Nationen größer machen wollen ? *

Ein „gesundes“ Selbstbewusstsein hat etwas mit Selbstsicherheit zu tun: mit der Sicherheit, sich auch in schwierigen Situationen entscheiden zu können, sich nicht bei jeder Kritik in Frage zu stellen, und zur eigenen Person, den eigenen Stärken und Schwächen stehen zu können. Dazu gehört es, Kritik ertragen zu können und sich auch zu trauen, anderen zu widersprechen und „Nein“ zu sagen.

„Gesundes Selbstbewusstsein“ wird nicht vererbt.
Selbstbewusstsein wird erworben

Menschen, die sich ihrer selbst und Ihren Gefühlen sicher sind, haben das in der Kindheit und Jugend erworben.
Sie haben früh erlebt, von Erwachsenen ernst genommen zu werden, sich mitteilen zu können, wenn sie sich nicht wohl fühlten und ängstlich oder unsicher waren.
Das hat im besten Fall zu emotionaler Sicherheit und Sicherheit in Beziehungen geführt. Wer dies als Kind und Jugendlicher erlebt hat, hat das Rüstzeug – die Resilienz -, um auch als Erwachsener selbstbewusst zu sein.

Wer das nicht erlebt hat, sucht danach noch als Erwachsener immer wieder: nach Bestätigung, emotionaler Sicherheit und Feedback, nach der Sicherheit, sich anvertrauen zu können und auch in Momenten von Schwäche und Unsicherheit ernst genommen zu werden.

Selbstbewusstsein

Selbstbewusste Menschen sind in der Lage, andere Menschen genauso differenziert mit ihren Stärken und Schwächen zu akzeptieren und zu ihnen verlässliche, tragfähige Beziehungen aufzubauen, ohne sich dabei aufzugeben oder zu verlieren.

Selbstunsichere Menschen hingegen ertragen Kritik schlecht.
Sie stellen sich selbst schnell in Frage. Sie zweifeln an sich und ihren Emotionen und Gefühlen, und versuchen oft, sich bei anderen Menschen Sicherheit zu holen oder sich zu vergewissern. Dadurch entstehen emotionale Abhängigkeiten.

Psychotherapeuten und Psychoanalytiker gehen davon aus, dass diese Selbstunsicherheit eine Form der narzisstischen Problematik ist.

Narzissmus

Narzissmus heisst also nicht zwingend, dass es sich dabei um selbstsichere, von sich selbst überzeugte Menschen handelt, die sich oft ins rechte Licht setzen, sich größer machen als sie sind und v.a. mit der Selbstdarstellung beschäftigt sind (Das Bild von Narziß im Spiegel).

Viel häufiger handelt es sich bei Narzissten um Menschen mit einer ausgeprägten Selbstunsicherheit (die sie immer wieder auch zu überspielen versuchen).
Diese zweite Form des Narzissmus beschreibt Menschen, die ihre Unsicherheit durch Grandiosität zu überspielen. Das sind die Menschen, die v.a. mit der Selbstdarstellung beschäftigt sind und wenig Einfühlung in ihr Gegenüber haben. Die Literatur, Kinofilme und die großen Bühnen dieser Welt sind voll von solchen Selbstdarstellern.

Die Betroffenen merken oft sehr spät selbst, dass sie in Not sind. Das geschieht oft erst dann, wenn das Licht auf der großen Bühne aus ist und die Gefahr besteht, dass die Grandiosität nicht aufrecht zu erhalten ist.

Zu einer Erkrankung im Sinne der internationalen Klassifikationen (ICD 10, DSM IV, DSM V) wird dieses Phänomen aber erst, wenn ein Leidensdruck und zusätzliche Symptome, wie z.B. eine schwere Depression dazu kommen. Dann sprechen Experten von einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Wenn dazu noch schwere Verleugnung der Realität und Lügen kommen (neu deutsch „Fake News„) und antisoziale Tendenzen (Schädigung von anderen, Kriminalität…..) sprechen wir von einer schweren Form des „malignen Narzissmus“, der die Grenze zur emotional instabilen Persönlichkeit darstellt.

*Die Ähnlichkeit mit lebenden Politikern mag Jedem auffallen.
Doch ganz zurecht, verbieten sich Ferndiagnosen von Menschen, die man nicht untersucht hat (Goldwater-Regel).

Zusammenfassend ist zu sagen:

  • ein gesundes Selbstbewusstsein hilft im Job und im Privatleben
  • aber nicht jede positive Selbstdarstellung zeugt von guten und positiven Selbstvertrauen
  • der Wahrheitsgehalt der Selbstdarstellung und der Umgang mit anderen Menschen und Kritik sind entscheidend
  • wenn die Wahrheit keine Rolle mehr spielt, wird es kritisch

Psychische Gesundheit, Stress am Arbeitsplatz, Burnout

Am 8.März 2017 fand im Gasteig in München eine Fachtagung zu einem hochaktuellen Thema statt: „Psychische Gesundheit, Stress am Arbeitsplatz und Burnout.“

Die Häufigkeit von Arbeitsunfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankungen nimmt in Deutschland kontinuierlich zu. Inzwischen sind sie die dritthäufigste Ursache von Arbeitsausfällen.

Dabei spielen die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz, der Stress im Beruf und Stressfolgeerkrankungen eine zentrale Rolle. Trotzdem ist der Begriff Burnout-Syndrom bei heute umstritten.

Wir haben die aktuelle Diskussion zum Anlass genommen und zu dieser Fachtagung namhafte Experten aus Politik, Medizinsoziologie und Kliniken eingeladen. (Das Veranstaltungsprogramm finden Sie hier).

Das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege hat diese Veranstaltung im Rahmen des Jahresschwerpunktes Depressionen bei Erwachsenen und der Kampagne:

Bitte Stör mich ! Aktiv gegen Depressionen  unterstützt:

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml erklärte die Kampagne des Staatsministeriums und warb für ein verstärktes Vorgehen gegen psychische Überlastung am Arbeitsplatz: „Es ist wichtig, gefährlichen Stress am Arbeitsplatz rechtzeitig zu erkennen.“

Prävention durch sichere Bindungen

Privatdozent Dr. phil. Bernhard Grimmer, Psychoanalytiker und psychologischer Psychotherapeut von der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen in der Schweiz beschrieb die Symptome von chronischem Stress und andauernder Überforderungen und belegte dies durch Zahlen des Robert Koch-Instituts. Er erk lärte, dass Streßfolgeerkrankungen durch ein Zusammenwirken von anhaltender psychischer Stressreaktion durch externen und innenpsychischen Stress entstehe und beschrieb die Persönlichkeiten, die besonders gefährdet sind.

Gratifikationskrisen

Professor Dr. Johannes Sigrist, Medizinsoziologe und Seniorprofessor an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf,  sprach über die Chancen und Risiken der modernen Arbeitswelt für die psychische Gesundheit. Er beschrieb die zahlreichen wissenschaftlichen Belege für die gesundheitliche Gefährdung durch chronischem Stress. Sein Forschungsthema sind Gratifikationskrisen und ihre gesundheitliche Folgen. Gratifikationskrisen entstehen bei einem dauerhaften Ungleichgewicht zwischen Verausgabungen und Belohnungen.

Auch er beschrieb die gesundheitsgefährdende Mischung aus inneren Verausgabungsneigung und mangelnder Belohnung durch Gehalt, Aufstiegsmöglichkeiten und Wertschätzung.

Ausgebrannte Ärztinnen und Ärzte

Dr. Heidemarie Lux, Vizepräsidentin der Bayerischen Ärztekammer stellte die Ergebnisse der Untersuchung von 4.000 Ärztinnen und Ärzten aus dem Jahre 2015 vor. Nach dieser Befragung geben 77 der Ärzte* an, dass ihr Privat- und Familienleben unter der beruflichen Belastung leiden. 59 % der Befragten fühlen sich durch ihre Tätigkeit psychisch belastet.

Frau Dr. Lux wies auf die Gesundheitsgefährdung von Ärztinnen und Ärzten und die Gefahr von Suchtentwicklungen hin und stellte das Programm „Hilfe statt Strafe“ der Bayerischen Landesärztekammer für Suchtkranke Ärztinnen und Ärzte vor.

Burnout ist keine Krankheit

Prof. Hillert, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Chefarzt an der Schön Klinik Roseneck, setzte sich kritisch mit der Diagnose Burnout auseinander und beschrieb den Begriff betrachtete den Begriff aus den verschiedenen Perspektiven. Burnout sei keine Krankheit und als wissenschaftliche Diagnose nicht haltbar. Er betonte aber auch, dass der Begriff dazu dienen könne, chronische Überlastungen und Stressfolgeerkrankungen zu enttabuisieren.

Im Bayerischen Ärzteblatt (Nr. 4, 72. Jahrgang, April 2017) finden Sie einen Artikel von J. Müller über dieses Symposium.

Diagnosen aus dem Internet ? Informationen mit Risiken und Nebenwirkungen

Noch nie war es so einfach, an Gesundheitsinformationen zu kommen. Das Internet macht es möglich. Und die Zahl der Internetnutzer  steigt ständig: im Jahre 2016 waren 58 Millionen in Deutschland online (84% der Bevölkerung). Dabei gehören Gesundheitsthemen zu den im Netz am meisten gesuchten Themen (Fox 2011). Drei von vier Deutschen suchen nach Gesundheitsinformationen im Internet. Allein im Oktober 2016 haben sich 33 Millionen Menschen auf den drei großen Gesundheitsportalen* über Gesundheitsfragen informiert.

Aber diese vor Jahren noch unvorstellbaren Möglichkeiten und Chancen für Millionen Menschen, die vorher nur schwer Zugang zu Fachliteratur hatten, sind nicht ohne Risiken, Hindernisse und Herausforderungen:

Es bedeutet eine Umstellung für die Ärzte, die ihre Art der Kommunikation mit Patienten ändern müssen. Immer mehr sehen sie sich mit genauen Fragen gut informierter Patienten konfrontiert, die Erklärungen für Untersuchungen möchten, Diagnosen  hinterfragen und detaillierte Informationen über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten haben möchten.

Das fällt manchen Ärzten, die es gewohnt sind, dass  Patienten tun, was sie sagen und keine Fragen stellen, nicht immer leicht. (Das ist aber wohl eher eine Chance für alle Beteiligten.-)).

Diagnosen aus dem Internet

Aber auch für die Menschen, die sich informieren wollen ist es oft schwer, die Fülle der Informationen zu überblicken, diese sortieren und zu bewerten.

Und manche medizinische Fachinformationen sind für Nicht – Mediziner auch wegen der Fachsprache nicht so leicht verständlich. Manche Informationen sind für Menschen mit unklaren Beschwerden und Ängsten vor schweren Erkrankungen auch irritierend oder beängstigend (Dazu in einem anderen Blog-Beitrag mehr).

Aber  v.a. sind Fragen zur Qualität der Informationen im Netz zu stellen. Wie können User sicher sein, dass Informationen nicht interessengesteuert sind ?

  • Wie schütze ich mich vor Informationen, die einer bestimmten Ideologie oder Weltanschauung entspringen ?
  • Woran erkenne ich, ob eine Seite unabhängig ist oder von einem Pharmaunternehmen betrieben oder finanziert wird ?
  • Wie kann ich unterscheiden, ob ein Chirurg zu einer Operation rät, an der er verdient ?
  • Wie kann ich sicher sein, dass ein Psychiater nicht zu Medikamenten rät, wo ein Psychotherapeut zu Psychotherapie raten würde ?

All diese Fragen sind extrem wichtig und hinterlassen Betroffenen oft ratlos.

Risiken und Nebenwirkungen

Auch die wenigen Untersuchungen, die es zu dem Thema gibt zeigen, dass diese Fragen berechtigt sind:

  • Die Stiftung Warentest hat Gesundheitswesen zuletzt 2009 getestet. Damals wurden nur 2 von 12 Seiten mit gut bewertet.
  • Beim ARD Magazin WISO bekamen im Jahre 2012 nur 11 von 32 Internetportale die Bewertung gut.

D.h., dass Menschen, die sich im Netz gut und zuverlässig zu Gesundheitsfragen informieren wollen, einige Punkte zu beachten sollten und sich die Informationen, die sie bekommen, kritisch anschauen müssen. (Zur Not helfen ihnen ihr Arzt oder Apotheker .-))

Die Verbraucherzentrale in NRW hat eine Checkliste zur Qualität von Gesundheitsinformationen im Internet erarbeitet, auf die hier nur kurz hingewiesen werden soll. Darin wird dringend geraten, auf folgende Punkte zu achten:

  1. Wer ist der Anbieter der Information ?
  2. Welche Ziele oder wirtschaftliche Interessen verfolgt der Informationsanbieter ?
  3. Wer ist der Autor oder fachlich Verantwortliche ?
  4. Wie beurteilen Sie die Qualität der Informationen ?
  5. Wie ist die Darstellung des Inhalts ?
  6. Wann wurde die Information erstellt ?
  7. Wirkt sich die Information auf die Arzt-Patienten-Beziehung aus ?
  8. Erfolgt auf der Seite Trennung zwischen Information und Werbung ?
  9. Werden Datenschutzbestimmungen berücksichtigt ?
  10. Gibt es ein Verschlüsselungssystem ?

Nützliche Informationen zu diesem Thema finden Sie auch beim Gesundheitsmonitor: „Erst einmal Dr. Google fragen und einem Artikel in der ZEIT  vom 8.12.16.

*onmeda.de, gesundheit.de, netdoktor.de

Ängste aushalten – Psychische und gesellschaftliche Ursachen von Angst

Ängste gehören zum Leben dazu. Ängste helfen uns dabei, Gefahren zu erkennen und zu vermeiden. Oft waren es Ängste und das Streben nach Sicherheit, die zu gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen geführt haben.

Max Frisch hat es einmal so formuliert: „ Angst ist ein fester Bestandteil unserer Lebens, weil es ohne diese Angst, die unsere Tiefe ist, kein Leben gibt.“

In der Gesellschaft, wie auch bei gesundheitlichen Fragen, müssen Menschen lernen, mit ihren Alltags-Ängsten umzugehen und Fähigkeiten zur Angstbewältigung entwickeln.

Das lernen wir alle schon in den ersten Lebensjahren. Und je sicherer jemand aufwächst und je  besser er/sie gelernt hat, mit Ängsten umzugehen, desto besser kommen er/sie im späteren Leben mit angstauslösenden Situationen zurecht (Resilienz).

In diesem Zusammenhang wird verständlich, dass Menschen, die bestimmte Sicherheiten nicht erlernen konnten, ein erhöhtes Risiko haben, Ängste zu entwickeln, Oft ist die Angst hinter der Angst- un dPanikattacke eine Angst vor Kontrollverlust, die in plötzlich auftretenden unerwarteten Situationen zu Panikattacken führen kann.

Da kann dazu führen, dass Angst übermächtig wird und sich manche Menschen vor lauter Angst, z.B. nicht mehr aus dem Haus trauen, unter Panikattacken leiden oder spezifische Ängste vor Höhen, Angst auf öffentlichen Plätzen, Flugangst oder Ängste vor Dunkelheit entwickeln.

Psychotherapeuten sprechen von „Generalisierte Angststörung“ (F41.1), „Panikstörung„, F41.0) „soziale Phobien“ (F40.0) oder „Agoraphobie“ (Angst vor öffentlichen Plätzen, F40.1.) und spezifischen Phobien (z.B. auch vor Tieren).

All diese Erkrankungen  lassen sich gut und erfolgreich mit den Standard-Therapieverfahren (Verhaltenstherapie und psychodynamische Psychotherapie*) behandeln.

Psychische und gesellschaftliche Ursachen von Angst

Im Anschluss an die gesundheitlichen und psychischen Aspekte von Ängsten möchte ich einen Transfer zur gesellschaftlichen Diskussion machen: überall in der politischen Debatte der letzten Monate in Deutschland wird deutlich, dass die Unfähigkeit, mit Ängsten umzugehen, in der Gesellschaft wächst.

So ist auch zu verstehen, dass immer mehr Menschen angesichts von Bedrohungen für Reichtum, Wohlstand und Sicherheit in einer globalisierten Welt nach alten Lösungen suchen. Sie wünschen sich einen Nationalstaat und geschlossene Grenzen zurück. In der ängstlichen Gesellschaft werden alles Fremde und Unbekannte abgelehnt.

Besonders deutlich wird das auch bei der Berichterstattung von Straftaten, dem Amoklauf in München und dem ersten Terrorangriff in Berlin im Dezember in Deutschland:

Die Medien und Politiker überschlagen sich mit immer neuen Vorschlägen zu verschärften Gesetzen (obwohl die existierenden nur angewendet werden müssten) und immer neuen Maßnahmen zur Verhinderung von Gewalt (geschlossene Grenzen, Abschiebung von abgelehnten Asylbewerbern, Betonpfosten gegen LKW-Attacken, Fußfesseln, Videoüberwachung ………..).

Damit soll die Bevölkerung anscheinend beruhigt werden und der Schein aufrecht erhalten werden, eine absolute Sicherheit sei möglich. 

Der Soziologe Heinz Bude sagt dazu in einem Interview in der SZ vom 27.12.16: Die Parteien haben Angst vor der Angst der Leute“ und „Man kann niemandem seine Angst ausreden.“

Auch aus psychotherapeutischer Sicht würde man sich wünschen, dass Politiker und Medien den Mut aufbringen würden, sich und uns allen, die Wahrheit zuzumuten:

  • die Uhren können nicht zurück gedreht werden
  • Ängste müssen ausgehalten werden
  • ein absolute Sicherheit in einer globalisierten Welt ist nicht möglich
  • internationale Konflikte können nur international gelöst werden.

 

* Mit psychodynamischer Psychotherapie sind die „tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“ und die „analytische Psychotherapie“ gemeint

Zwang schadet in der Behandlung der Magersucht

Die Zahl von Frauen mit Essstörungen , die sich in der Psychosomatischen Abteilung in Ebersberg haben behandeln lassen, hat sich in den letzten Jahren verdoppelt (SZ 09.06.2016). In den letzten Monaten kamen zudem viele Frauen mit Essstörungen zur Beratung, die von gescheiterten Behandlungen berichteten.

Das verwundert nicht. Denn für die Behandlung von Menschen mit Essstörungen braucht es sehr viel Erfahrung und eine transparente, eindeutige therapeutische und ethische Haltung (s.u.).

Die meisten Betroffenen berichten, dass die Schwere der Essstörung zu Beginn unterschätzt worden ist, und sich die Symptomatik trotz Behandlungen verschlechtert hat.

Die andere Problematik in der Behandlung von Essstörungen, von der die Patientinnen berichtet haben, besteht im viel zu häufigen Einsatz von Zwangsmaßnahmen und von Behandlungen gegen den Willen der Patientinnen mit Bulimie und Anorexie.

Und das ist für die Betroffenen oft fatal, weil sie nur die Möglichkeit sehen, sich entweder anzupassen (und z.B. gegen ihren Willen Gewicht zuzunehmen) oder die Behandlungen abzubrechen.

Im Folgenden will ich das Problem am Beispiel der Pubertäts-Magersucht (Anorexia nervosa) beschreiben:

Bei den Betroffenen handelt es sich zu 95 % um Mädchen und junge Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen absichtlich eine Gewichtsabnahme herbeiführen (durch Hungern, exzessiven Sport, Erbrechen, Abführmittel, sonstige Medikamente usw.).

In fast allen Behandlungen von Ärzten und Therapeuten, in Praxen, Klinken und Beratungsstellen werden die Frauen mit Untergewicht zur Gewichtszunahme überredet, gedrängt oder gezwungen. (Damit machen die Ärzte und Therapeuten genau das, was den Betroffenen in den Familien, im Bekanntenkreis und und in Partnerschaften auch immer wieder passiert).

Doch wozu führt das?

Frauen mit Essstörungen haben gelernt, sich anzupassen, zu unterwerfen und ihre Absicht, Gewicht zu reduzieren, zu verheimlichen. Sie passen sich nach außen an die Erwartungen an und verheimlichen ihre wahren, inneren Motive oder wirklichen Absichten.

Schon vor 20 Jahren wurde in britischen Studien nachgewiesen, dass die Heimlichkeiten zunehmen, je größer der Druck und Zwang auf die Betroffenen mit Essstörungen ist (Gowers 1992).

Das heisst auch, dass in Therapien die mit Zwang arbeiten, die Chancen vertan  werden, Vertrauen aufzubauen, in dem sich die anorektischen Frauen verstanden fühlen und offen, über ihre Wünsche und Ängste reden können.

Denn immer gibt es Gründe dafür, dass Mädchen und Frauen trotz intensiver Kenntnisse über Ernährung, Nahrungsmittel und die medizinischen Folgen absichtlich hungern oder sich „ungesund“ ernähren.

Leider arbeiten aber die meisten psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken mit einem Behandlungskonzept, in dem die Patientinnen von Anfang an Gewicht zunehmen müssen.

Damit wird oft die Chance vertan, die zum Teil unbewussten Gründe zu verstehen und den Betroffenen zu helfen, andere Lösungen für ihre Konflikte und Probleme zu finden.

Dabei ist das der einzige, nachhaltige Weg raus aus einer Essstörung, hin zu einem selbstgesteuerten und selbstbewussten Leben.

Deshalb besteht die Hauptaufgabe einer  Psychotherapie darin, zu verstehen, in welcher Not die betroffenen Frauen sind, warum sie Gewichtsabnahme als Lösung ihrer Probleme sehen und mit ihnen Alternativen zu er arbeiten, die die Essstörung überflüssig macht.

Das konnte ich mit Kolleginnen vor 20 Jahren in der Psychosomatischen Abteilung im Klinikum rechts der Isar an einer kleinen Gruppe von untergewichtigen, anorektischen Frauen (BMI um 13 kg/m2) nachweisen.

Wir haben die Betroffenen mit Einzel- und Gruppentherapie zusammen mit Hausärzten behandelt und von Ihnen lediglich verlangt, ihr Gewicht zu halten. Die Hälfte der Frauen hat im Laufe der Behandlung von sich aus an Gewicht zugenommen. Die andere Hälfte ist anschliessend in weitere Therapien gegangen.

Deshalb arbeiten wir in der Psychosomatik seit Jahren nach einem anderen Konzept in der Behandlung von Frauen mit Essstörungen:

Wir setzen den Schwerpunkt nicht auf die Symptome (Untergewicht, Hungern, Erbrechen…..) und die Veränderung des Essverhaltens, sondern konzentrieren uns darauf, zuerst ein Vertrauen aufzubauen und mit den Betroffenen die z.T. unbewussten Ursachen für das Essverhalten und das Untergewicht zu erkunden.

Denn nur wenn die Not der Frauen gespürt und die Essstörung als gescheiteteter Versuch einer Konfliktbewältigung verstanden wird, sind die Betroffenen in der Lage, selbst und von sich aus Gewicht zuzunehmen. Das kann länger dauern, ist aber nachhaltig erfolgreicher.

Und sollte neben der Essstörung ausserdem eine schwere Traumatisierung oder eine Borderline Persönlichkeit bestehen, ist es noch wichtiger den anorektischen Frauen zuerst zu helfen, mit Selbstwertzweifeln und Selbsthass und Selbstschädigung zurecht zu kommen, bevor die Essstörung therapeutisch behandelt werden kann. Denn bei schwerer Persönlichkeitsstörung (v.a. durch Traumarisierungen)  haben Zwangsmaßnahmen ganz verheerende, negative Folgen.

Zum Schluss ein Hinweis für Kollegen (Psychiater, Verhaltenstherapeuten und Ärzte): selbstverständlich besteht das langfristige Ziel jeder Behandlung darin, das die Betroffenen die Symptome aufgeben zu können. Doch dazu sind Voraussetzungen notwendig, die zusammen mit den anorektischen Frauen und nicht gegen sie erarbeitet werden muss.

Dabei darf man die Gefahren für die Gesundheit nicht übersehen. Deshalb müssen die Frauen mit Essstörungen genau untersucht werden, immer medizinisch und therapeutisch behandelt werden und über die gesundheitlichen Risiken und Gefahren aufgeklärt werden.

Bei der Gelegenheit erfährt man als Arzt oder Therapeut aber auch, dass  die wenigsten Betroffenen mit Essstörungen die Absicht haben, ihr Leben zu beenden (ganz gegen die Angst der Familien und mancher behandelnden  Ärzte).